Ewald Lienen, Trainer vom Kultclub FC St. Pauli, ist schon oft auffällig geworden. Als Spieler mit Hang zur politischen Linken, der sich nie seinen Mund hat verbieten lassen; als Trainer, der immer wieder Stellung bezieht. Obwohl seine Mannschaft derzeit nur in den unteren Gefilden der 2. Fussball-Bundesliga unterwegs ist, immerhin 2017 aber eine bemerkenswerte Aufholjagd gegen den Abstieg gestartet hat, hat die Tageszeitung Die Welt – nicht unbedingt als Sprachrohr der Linken bekannt -, einer Pressekonferenz vor einem Auswärtsspiel bei 1860 München, einen ganzen Artikel gewidmet. Der Grund: Ewald Lienen hat auf dieser Pressekonferenz mal wieder so richtig vom Leder gezogen und an das Verantwortungsbewusstsein der Spieler den Fans gegenüber appelliert. „Es sind Sätze der Hingabe eines Trainers an sein Publikum, eine Hommage …“, so die Welt. Es lohnt sich einen Teil der Ansprache hier im Wortlaut wiederzugeben: „Das Spiel wird glaube ich um 13 Uhr angepfiffen. Da kann sich jeder ungefähr zurückrechnen, was der normale Fan machen muss, um rechtzeitig zum Anstoß da im Stadion zu sitzen. Da rede ich jetzt nicht von den gut betuchten Leuten, die sich am Freitagabend um sechs Uhr in die Maschine setzen, nach München fahren, in Schwabing essen gehen, dann einen Stadtbummel machen und dann entspannt im Taxi zur Arena fahren. Ich rede von denjenigen, die uns 90 Minuten lang leidenschaftlich unterstützen. Die wahrscheinlich seit drei, vier Uhr morgens unterwegs sind, alles mögliche mitschleppen, durch die Welt fahren und dann da sind, um uns zu unterstützen. Das ist auch der Grund, warum ich da vorher hingehe und am liebsten jedem einzelnen die Hand drücken möchte. Nicht um mich feiern zu lassen, sondern um mich dafür zu bedanken, dass sie sich auf den Weg gemacht haben. Ich glaube, darüber muss sich jeder einzelne Spieler klar sein und bewusst sein, dass es eine unglaubliche Investition ist, die diese Fans machen. … Das sind noch zusätzliche Opfer, die diese Leute bringen. Darüber sollte sich jeder einzelne unserer Spieler im Klaren sein, was wir für eine Verantwortung diesen Leuten gegenüber haben. Und zwar bis zum Abwinken. Gerade und insbesondere in solchen Spielen.“

Eins zu eins in die Kundenorientierung übersetzt: Jeder Mitarbeiter muss sich darüber im Klaren sein, was für eine Verantwortung er den Kunden gegenüber hat. Wie in vielen Unternehmen scheinen aber auch in vielen Vereinen die Verantwortlichen und damit auch die Spieler sich von den Fans entfremdet zu haben. Der tatsächliche Sinn des Vereins wird immer unbedeutender. Sportvereine, die professionell geführt werden, die Sport auf hohem und teilweise höchstem Niveau ermöglichen, sind wichtige Organisationen einer Gesellschaft. Wenn die Sportfunktionäre und ihre Mitarbeiter (= Spieler) beginnen sich über die Fans zu beklagen, ist dies aber ein Ausdruck der Entfremdung, oder ganz konsequent formuliert, mangelhafter Fanorientierung.

Wie schnell die Verantwortlichen und die Fans eines Vereins sich in gegenseitig bekämpfende und wenig respektvolle Lager aufspalten, hat vor einigen Jahren schon einmal Uli Hoeneß in einer legendären Mitgliederversammlung zum Ausdruck gebracht: „Das ist doch populistische Scheiße … für die Scheißstimmung seid ihr doch zuständig und nicht wir. Was glaubt ihr eigentlich, was wir das ganze Jahr machen, um euch für sieben Euro ins Stadion zu lassen. Euch finanzieren doch die Leute in der Loge.“ Dabei wird Hoeneß für seine aufopfernde Bereitschaft, sich für Dritte einzusetzen, von den Fußball-Fans weltweit geschätzt. Selbst von einigen Borussen.

Anders ist dies bei Martin Kind, Präsident von Hannover 96, der im März 2015 in der FAZ folgende Überschrift lesen musste: „Der Feind im eigenen Klub“. Seine Fehde mit den Ultra des Klubs ist über die Grenzen der niedersächsischen Hauptstadt bekannt. Das ging sogar so weit, dass die Ultras die Spiele der 1. Mannschaft nicht mehr besucht haben. Voting by feed. Wirklich aussagekräftig ist aber die folgende Aussage von Martin Kind: „Es tut mir für die Mannschaft leid, wenn sie nicht die Unterstützung erhält, die sie verdient hat, jetzt sogar braucht. Dafür sind Fans doch eigentlich da. Aber die Mannschaft kann damit umgehen.“ Das bedeutet für Martin Kind, dem für seine unternehmerische Leistung aller Respekt gebührt, spielt die Mannschaft nicht für die Fans, sondern müssen die Fans für die Mannschaft da sein. Die Kunden eines Unternehmens müssen sich für ihr Unternehmen einsetzen – dafür dürfen diese dann Eintritt ins Stadion bezahlen. Das ist die Erwartungshaltung!

Mats Hummels, einer der besten Innenverteidiger der Welt, Spieler von Bayern München, Weltmeister, hat aktuell in einem Interview gesagt: „Fans werden immer respektloser“. Ist Hummels klar, dass er ohne Fans keinen Vertrag bei Bayern München hätte, der ihm jährlich über 10 Millionen € einbringen soll. Fans haben den Respekt von Mars Hummels verdient.

Viele Vereine müssen sich überlegen was ihr tatsächlicher Sinn ist. Vereine brauchen die Macher, die Unternehmer wie Martin Kind oder Uli Hoeneß, um funktionierende Organisationen aufzubauen und weiterzuentwickeln. Der Sinn eines Vereins kann aber nur aus einer ausgesprochenen Fanorientierung entwickelt und gelebt. Diese Verantwortung haben Spieler und Manager jeden Tag. Nichts anderes hat Ewald Lienen zum Ausdruck gebracht.