Gerade in Zeiten des Karnevals und des Faschings nehmen sich die Büttenredner gerne die AfD und Donald Trump vor. Dabei wird immer wieder verkannt, dass es letztendlich weder eine Frauke Petry, Marine Le Pen, ein Geert Wilders oder eben ein Donald Trump sind, die die jeweilige Demokratie (noch nicht) verändern. Sie nutzen diese Demokratie, indem sie gewählt werden. In freien, geheimen Wahlen. Von durchaus mündigen Bürgern. Wie kann es aber passieren, dass mündige Bürger, den traditionellen Parteien, dem Establishment von rot über schwarz bis grün den Rücken zukehren. Wie kann es sein, dass in Umfragen den o.g. Politagitatoren die Regierungstauglichkeit abgesprochen wird, diese aber trotzdem gewählt werden? Antworten hat Philip Kotler gegeben.

Philip Kotler, einer der ganz großen Marketing-Professoren hat 2015, also vor Trump-Zeiten, ein wunderbares Buch geschrieben, in welchem er den Kapitalismus auf den Prüfstand stellt. „Confronting Capitalism“ heißt dieses Werk. Kotler beschreibt dort 14 Mängel des Kapitalismus und wie diese beseitigt werden könnten. Er bezieht sich dabei primär auf die USA. Aber, das was er dort schreibt, welche Fakten er anführt, ist es wert auch hier, beim Thema Kundenorientierung diskutiert zu werden[1]. Deshalb hier in Kurzfassung acht der vierzehn Statements.
1. Das Problem anhaltender Armut: Fünf der sieben Milliarden Erdeinwohner gelten nach Maßstäben der Vereinten Nationen als arm oder extrem arm.
2. Ungleiche Einkommen auf dem Vormarsch: die 85 reichsten Menschen der Welt, haben mehr Vermögen als die ärmsten 3,5 Milliarden!
3. Arbeiter im Würgegriff: Der Mindestlohn von 7,25 Dollar in den USA liegt deutlich unter dem Existenzminimum. In Deutschland beträgt er € 8,84. Da kann sich jeder vorstellen, welche Mietwohnungen man sich dafür in Washington, Hamburg oder Frankfurt leisten kann.
4. Arbeitsplätze schaffen trotz zunehmender Automatisierung: Akademische Taxifahrer gehören inzwischen zum Alltagsbild der Gesellschaften.
5. Unternehmen, die die Allgemeinheit belasten: Während der Finanzkrise gestützt, in Boom-Zeiten geschützt. Das betrifft nicht nur die Banken. Auch Apple und Ikea sind weltmeisterlich in der Steuerzahlungsvermeidung.
6. Ausbeutung der Umwelt: Veränderungen der Erderwärmung führen zu neuen Bakterien und Schädlingen und damit neuen Krankheiten.
7. Wie die Politik die Wirtschaft unterläuft: Es vergeht kaum ein Tag, an dem Bestechung und Korruption der Reichen, der Manager, der Politiker die Schlagzeilen der Medien bestimmen.
8. Zweifelhafte Produkte: Ein Ampelsystem, welches die Gesundheitsgefährdung für jedermann transparent machen würde, wird durch den Lobbyismus bei der EU verhindert. Die Folge: Die Lebensmittelkonzerne machen uns mit Salz-Zucker-Fett süchtig.

Zusammengefasst: Die Reichen, das Establishment gehören immer zu den Gewinnern, die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer, die Selbstbedienungsmentalität von Politikern und Managern gehört zum Alltag. Natürlich will ich nicht alle Reichen, Manager, Unternehmen und Politiker über einen Kamm scheren. Wenn der Wähler aber dauerhaft mit solchen Informationen berieselt wird, kann es dann verwundern, dass sich der Wähler gegen die traditionellen Parteien richtet? Verantwortlich für den Verlust der Wähler, verantwortlich für die Stärkung der rechten und linken Flügel, der radikalen Parteien und Bewegungen, sind nicht deren „Leit-Figuren. Verantwortlich dafür sind wir selbst. So wie Unternehmen dafür verantwortlich sind, wenn Kunden Angebote der Wettbewerber vorziehen.

Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Sarah Wagenknecht hat mich – trotz des roten Kleides – nicht herumgekriegt. Ich fühle mich nach wie vor der Schule von Friedrich August von Hayeks genauso eng verbunden, wie der des Kritischen Rationalismus von Karl Popper. Die Marktwirtschaft ist das Wirtschaftssystem, welches die Wohlfahrt der Gesellschaften (!) steigern kann. Dabei sollen einzelne auch mehr partiziperen als andere – aber nicht auf Kosten Dritter! Kotler hat mit spitzer Feder die Mängel des Kapitalismus beschrieben. Einige Funktionsprinzipien der Marktwirtschaft müssen dringend angepasst werden. Das war schon den Ordoliberalen in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts klar. Der Leistungsgedanke unserer Gesellschaft taugt etwas, wenn im Nachhinein der Erfolg von Unternehmern (und manchmal auch Managern) erklärt werden soll. Das ist die eine Wahrnehmung. Bei ungleichen Startbedingungen, Wendungen, die eher dem Zufall des Schicksals zugeordnet werden müssen, versagt die klassische Marktwirtschaft. Sie hinterlässt dann Armut, Ungleichheit, Unsicherheit und Angst. Jetzt haben System 1 und System 2-Fehler Hochkonjunktur. Wenn die Politik und die Verantwortlichen in der Wirtschaft sich diesen Ängsten und Unsicherheiten in breiten Teilen der Bevölkerung (= Wähler und Kunden) nicht stellen, braucht sich dieses Establishment auch nicht zu wundern, wenn die Wähler und Kunden nach Alternativen suchen und bereit sind sich von inhaltsleeren Marktschreiern beeinflussen zu lassen.


[1] Philip Kotler, Confronting Capitalism. 2015